Nirgendwo – über Menschen und Landschaften

Die Ausstellung versammelt drei norwegische und fünf deutsche Künstlerinnen und Künstler. Alle eint, dass sie sich im Rahmen ihrer Arbeit entweder konstant oder aber wenigstens über mehrere Serien hinweg mit Landstrichen und Orten beschäftigt haben, die abgelegen sind, in die kaum jemand findet, die leer sind, Orte an der Peripherie der "großen Bewegungsströme".

Im Fall der norwegischen Fotografin Andrea Gjestvang ist dies die Region in Nordnorwegen, die weit abgelegen von der Hauptstadt Oslo und den anderen beiden größeren Städten Trondheim und Bergen ist. Hier leben die Menschen mit viel Abstand voneinander, und viele der Jungen ziehen nach Beendigung der Schule weg. Die Landschaft ist karg und die Tage im Winter extrem kurz. Das Internet macht es zwar möglich, dass die Menschen mehr als früher mitbekommen, was draußen in der Welt passiert, aber es weckt gleichzeitig auch die Sehnsucht nach dem "anderen Leben" dort draußen. "Everybody knows this is nowhere" heißt ihre Serie treffend.

In ihrer künstlerischen Arbeit erforscht Dana Engfer ihr unbekannte Orte und arbeitet mit der Sichtbarmachung von Abwesendem. Ein intuitiver Annäherungsprozess führt sie zu Spuren der Vergangenheit, persönlichen Geschichten und Zwischenzuständen. Sie sammelt und archiviert Erinnerungsfragmente aus ihrer unmittelbaren Umgebung in multimedialer Form.
Die ausgestellten Arbeiten sind in Reykjavik und den Westfjorden lslands entstanden. Dana Engfer hat dort, während ihrer Aufenthalte, ihre Umgebung fotografisch festgehalten, auf der Suche nach Szenarien die sich in der Auflösung befinden, die im Begriff sind zu Verschwinden -und nicht greifbar sind. So fotografiert sie zum Beispiel bei einer Bootsfahrt im Fjord vor Hólmavik, wo sie das Glück hatte Wale zu sichten, die Meeresoberfläche, auf der sich nach dem Abtauchen eines Wals für nur kurze Zeit eine Art Wasserkreis bildet - letzte Spur eines bereits vergangenen Geschehens.

Nesbyen, der Ort in dem Espen Eichhöfer aufgewachsen ist, liegt zwar nicht ganz so weit nördlich, ist aber auch ein kleiner, unscheinbarer Ort in der norwegischen Provinz. Über die Jahre ist Eichhöfer immer wieder in die Region zurückgekehrt, um hier an seinem persönlichen Langzeitprojekt "Papa, Gerd und der Nordmann" weiterzuarbeiten, in welchem er immer wieder ihm nahestehende Menschen in Beziehung setzt zu den Behausungen, in denen sie wohnen, aber auch der Weite und Einsamkeit der norwegischen Landschaft.

Wenn man schon eine Weile braucht, um in die abgelegenen norwegischen Provinzen zu kommen, so ist im Vergleich dazu Kathrin Tschirner noch einmal deutlich weiter gereist und hat eine der wohl abgelegensten Regionen der Erde aufgesucht, das südöstliche Sibirien. Hier, in der Stadt "Ulan Ude" nahe des Baikalsees, hat sie eine Weile lang Jugendliche begleitet, die sich in ihrer Freizeit auf den Straßen und ruralen Freiflächen ihrer Heimatstadt in sogenannten "dance battles" messen. Dabei wird wieder der extreme Einfluss des Internet deutlich, dank dessen Trends der globalen Popkultur bis in den hintersten Winkel dringen und dort nicht nur assimiliert, sondern, auch in umgekehrter Richtung, durch Hochladen von selbst aufgenommenen Videos beeinflußt werden können. Allerdings reicht diese Interaktion langfristig nicht aus, um das Gefühl "am Ende der Welt zu leben", zu kompensieren.

In die Weiten der südwestlichen amerikanischen Einöde wiederum hat sich Espen Tveit Ende der 80er und Anfang der 90er Jahre mehrmals begeben und dort eine ganze Reihe von schwarz-weiß Fotografien aufgenommen, die exemplarisch und mit großer formaler Schärfe das enigmatische dieser kargen Landschaft, der Architektur und der Menschen einfangen.

Eine in vielen Aspekten vergleichbare Arbeitsweise verfolgt Andreas Trogisch, was nicht nur daran liegt, dass auch er bevorzugt mit schwarz-weiß Filmen arbeitet. Auch der fotografische Blick ist ein ähnlicher, die Suche nach Räumen der urbanen Leere und der darin wie verlorenen scheinenden Menschen, eine klare und bestimmte Komposition der durch Licht und Schatten abgegrenzten Flächen. Trogisch, der seine fotografische Suche nach den metaphysischen Nichtorten in der von morbider Patina gezeichneten "Gebäudekulisse" der DDR der 80er Jahre begann, setzte diese Suche auch nach der Wende unbeirrt fort.

Thomas Fißler machte in den letzten Jahren immer wieder längere Reisen in den Süden der iberischen Halbinsel. Dort, wo mittlerweile noch vor den Niederlanden das Gros des europäischen Gemüsebedarfes angebaut wird, verstörten und faszinierten ihn gleichzeitig die enormen Flächen von Plastikfolie bedeckten Felder, eine Notwendigkeit, um über das ganze Jahr hinweg maximale Erträge zu erwirtschaften. Seine Fotos zeigen ein neues, monströses, durch massive Überformung der Landschaft durch den Menschen entstandenes Nirgendwo am Rande Europas.

Wie inszeniert man eine Vision? Franca Wohlts Serie „New Space", an der sie seit 2019 arbeitet, versucht das nachzuvollziehen. Entgegen ihrer gewohnten dokumentarischen Arbeitsweise stellt sie Bilder von technischen Entwicklungen und Forschungslaboren nach. Die von Privatunternehmen dominierte "New Space"- Bewegung spekuliert mit Leistungen, deren Erbringung selten garantiert werden kann. Fotografien leisten hierbei Überzeugungsarbeit und sind Teil ausgefeilter Marketingstrategien. Wohlts Fotografien könnten also visionär betrachtet werden und folglich ein Dokument des Fortschritts sein. Gleichzeitig ist aber auch eine kritische, zweifelnde Sicht möglich, die den Wahrheitsgehalt der Bilder und deren eigentlichen Inhalt hinterfragt.

Ausstellungsdauer: 17. Dezember 2022 bis 12. Februar 2023
geöffnet: Samstag und Sonntag, 12 bis 17 Uhr

"No Man is An Island"
Foto: Andrea Gjestvang,aus der Serie Faröer 5

 

 

 

Künstlerinnen und Künstler

Espen Eichhöfer ist langjähriges Mitgliedschaft in der Fotoagentur "Ostkreuz" und kann daher auf eine umfangreiche Ausstellungshistorie verweisen (z.B. im letzten Jahr die große Retrospektive "Kontinent: Auf der Suche nach Europa" in der Akademie der Künste, Berlin)

Dana Engfers Arbeiten wurden in zahlreichen Gruppen- und Einzelausstellungen gezeigt u.a. in Deutschland, Australien, der Schweiz, Österreich, Russland und den USA.

Andrea Gjestvang wurde durch die Auszeichnung " Photograper of the year 2013" für ihre Serie "one day in history" im Rahmen der Verleihung der "Sony Photography World Awards" auch überregional einem größeren Publikum bekannt. In diesem Jahr hatte sie anlässlich des 10 Jahrestages der Anschläge von Utoya eine Präsentation dieser Serie im norwegischen Fotografiemuseum.

Andreas Trogisch ist langjähriges Mitglied der "Deutschen Fotografischen Akademie" und hat umfangreich im In- und Ausland ausgestellt.

Espen Tveit gehört zu den wenigen norwegischen Künstlern, die seit Jahren von der renommierten Osloer "Galleri K" vertreten werden. www.gallerik.com/artists

Kathrin Tschirner hat sich nach ihrem Abschluß an der HAW Hamburg bei Ute Mahler lange Jahre in der für die Berliner Fotografieszene sehr wichtigen AFF Galerie engagiert.

Thomas Fißler wird seit 2013 von der Dresdener Galerie "Ursula Walter" vertreten, die 2018 den Kunstpreis der Stadt Dresden erhalten hat. Im letzten Jahr wurden zahlreiche seiner Werke von der Kulturstiftung des Landes Sachen angekauft.

Franca Wohlt ist Mitgründerin und Kuratorin der AFF Galerie, einer Plattform für zeitgenössische Fotografie in Berlin, und Dozentin an der Ostkreuzschule für Fotografie Ber1in

Gunnar Borbe, Kurator